Polit-Gossip fördert die Auflage – auf der Strecke bleiben politische Inhalte

Foto: Dr. Rubina Möhring.

Foto: Dr. Rubina Möhring.

Verfolgt, eingeschränkt, unter Druck gesetzt, inhaftiert, getötet: Rubina Möhring, Präsidentin von Reporter ohne Grenzen in Österreich, kommentiert die Lage der Pressefreiheit und der Journalistinnen und Journalisten als Press Freedom Watchdog

Gezielt wurden Emotionen mit Beiträgen aus der viel zitierten untersten Schublade angesprochen, gezielt wurden Menschen in ihrer persönlichen Würde und Ehre übel verletzt.

Wunderbar. Endlich gibt es einen super schmutzigen Polit-Skandal, kaum zwei Wochen vor der Nationalratswahl, bei der für die kommenden fünf Jahre eine Regierung gewählt werden soll. Zeitlich ist das Ganze perfekt inszeniert. So bleiben uns und manchem Spitzenkandidaten bis zum Wahltag mühsame Auseinandersetzungen mit politischen Inhalten erspart. Und die Medien, die spielen fleißig bei diesem unsauberen Ratespiel um das innenpolitische Dirty Campaigning mit. Zum Gefallen mancher politischen Akteure.

Tagelang wurde das Thema als Aufmacher-Story gehypt. Geradezu lustvoll wurde da mediale Randale um Skandale betrieben. Koscher ist rein gar nichts in diesem infamen Spiel mit Negativ-Kampagnen auf Facebook, in denen ÖVP-Spitzenkandidat Kurz, SPÖ-Kanzler Kern und dessen Ehefrau gröblich diffamiert wurden. Gezielt wurden Emotionen mit Beiträgen aus der viel zitierten untersten Schublade angesprochen, gezielt wurden Menschen in ihrer persönlichen Würde und Ehre übel verletzt. Frei nach dem Motto: Irgendetwas wird schon hängen bleiben. Nur was?

Besen, Besen, seid’s gewesen

„Besen, Besen, seid’s gewesen“ – auch solch ein verzweifelter Hilferuf von Goethes Zauberlehrling kann nicht vergessen machen, dass die Schmutzkübelkampagne von einem von der SPÖ engagierten erfolgreichen, aber aufgrund seiner Methodik zweifelhaftem PR-Konsulenten entwickelt wurde. Unkontrolliert und ohne Absprache, aber für gutes Geld. Dessen Team arbeitete in Wien sogar eigenmächtig tüchtig weiter, nachdem der Coach in seinem Heimatland wegen möglichen Betrugs und Geldwäsche großen Stiles in Untersuchungshaft geraten und inzwischen in Hausarrest entlassen worden war.

Offenbar hat sich seitens der SPÖ auch niemand darum gekümmert, was nun dieses Team des geschassten Konsulenten in der freien Wildbahn fortan weiterhin so trieb: Verleumdung und antisemitische Bösartigkeiten. Also, wie wir nun wissen, nichts Gutes. Offenbar war zumindest ein Teammitglied als sogenannter Maulwurf tätig, der Interna mit Vergnügen an Andere weiterreichte. Ob honoriert oder nicht, ist eine andere Frage.

Seitdem wird in den Medien wild spekuliert, wird mit Namen und Andeutungen, wer dies denn gewesen könne, herumjongliert. Natürlich entbehrt es nicht eines gewissen Vergnügens herauszufinden, welches Mitglied des „geheimen“ Teams vielleicht oder tatsächlich mit welchem Ministerkinder eng befreundet ist und dadurch vielleicht auch zum Informationsfluss beigetragen hat.

Nix Genaues weiß der Kreis der Außenstehenden nicht – also wird weiter im politischen Kaffeesatz gelesen und vernadert, was das Zeug hält – so lange, bis kein Teammitglied unbeschadet übrigbleibt. Wie dieser unselige Prozess vermieden werden könnte?

Auflagensteigerung durch Polit-Gossip

Zwei Printmedien brachten am vergangenen Wochenende die ganze Angelegenheit ins Rollen: die Tageszeitung „Die Presse“ und das Wochenmagazin „profil“. Die Leitung beider Medien liegt in verlässlich konservativer Hand. Beider Chefs könnten, um dem desaströsen Ratespiel endlich ein Ende zu bereiten, die Quellen ihrer veröffentlichten Dirty Campaigning News bekanntgeben. Sie berufen sich jedoch, wie der „Falter“ schreibt, auf den Quellenschutz zum Schutz der Informanten. Dass diese ihre andere Kollegenschaft ganz gehörig schädigen, wird dabei nicht thematisiert. Der Auflage beider Medien schadet dieses exklusive Informationsmaterial samt Berichterstattung in Sachen Polit-Gossip sicherlich nicht.

Outing eines möglichen Maulwurfes

Im Laufe des Donnerstages hat sich nun ein ÖVP-naher PR-Experte in einem Interview mit der Wiener Wochenzeitung „Der Falter“ und der Tageszeitung „Die Presse“ als möglicher Maulwurf geoutet. Er war einst von dem inzwischen geschassten SPÖ-Konsulenten angeheuert worden. Angeblich habe ihm die konservative Partei 100.000 Euro für das Info-Material aus der SPÖ-Zentrale geboten. Die Parteispitze bestreitet das. Wem kann man eigentlich noch glauben und was wird warum nicht thematisiert?

Dirty Campaigning mit antisemitischer Hetze

In der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen oder gar skandalisiert wird die antisemitische Hetze der FPÖ-Grand-Dame Ursula Stenzel, die entsprechende Artikel der FPÖ-Website „unzensuriert“ via Facebook verbreitet. Dort wird der US-Investor Georg Soros diffamiert. Viele nennen dies gefährliche Aufwiegelei und Brandstiftung. Warum eigentlich bleibt das unerwähnt?

Warum ist dies, wie es scheint, auch für andere Medien oder gar PolitikerInnen uninteressant? Weil die jüdische Gemeinde eh nur noch ganz klein ist, und Herr Kurz als Repräsentant einer großen Mehrheit suggeriert werden soll? Wie wäre es, wenn auch einmal traditionell rassistische Schmutzfinger-Kampagnen auf seit Jahren einschlägigen Webseiten unter die Lupe genommen würden?

Die Antwort auf die Frage, warum die jüdische Gemeinde in Österreich heute so klein ist, wissen ja nun hoffentlich alle. Oder ist auch das schon wieder vergessen: die Rolle der Täter aus den eigenen, echt-österreichischen Reihen.

Ein echter Österreicher, als solcher wurde auch 1970 der ÖVP-Spitzenkandidat Josef Klaus auf den Wahlplakaten unterschwellig antisemitisch beschrieben. Sein dennoch erfolgreicherer, oppositionelle SPÖ-Kontrahent war damals Bruno Kreisky, Sohn einer österreichischen, jüdischen, großbürgerlichen Familie.

Dieser Artikel von Es bleibt dabei-Unterstüzerin Rubina Möhring erschien heute, am 5. Oktober 2017, auf derstandard.at in der Rubrik Press Freedom Watchdog, in der die Präsidentin von Reporter ohne Grenzen in Österreich die Lage der Pressefreiheit kommentiert. Der Originalartikel findet sich auf derstandard.at.

 

2017-10-09T23:44:19+00:00 6. Oktober 2017|